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Wie geht Weltmusik?

Das vierte Album der Outlaws von der falschen Rheinseite, der Schäl Sick Kölns, zeigt es. Man nehme für die Gesangsstücke indigene Leute, die mit ihren Dialekten und Stimmfärbungen den Sound ihrer Heimat pflegen -- Köln, Pazardzik oder Anafi -- und Lust auf die Konfrontation mit anderen Schubladen praktizieren. Köln, Bulgarien, Griechenland, Kurdistan, Ägypten oder Algerien liefern Songmaterial. Riddims aus der Karibik, Bluesharps mit Mississippi-Touch, 9/8-Takt und Polkagedudel sowie Afrobeat bzw. Stampftanz steuern das instrumentelle Geschehen. Dann haben wir noch Dudelsack, Zurna-Geqäke, Bauchtanz, türkische 6/8 mit englischen Lyrics und ein Lied über Marie, die Verkäuferin am Zülpicher Platz, Kasse Zwei. So eine Combo wie die Schäl Sick Brass Band besingt den Schnaps dann auch mindestens in drei Sprachen, macht sich über Aids her mit einer schnellen Nummer namens "Rubber-Dub" und stellt ausgerechnet den Rausschmeißer gleich an die erste Stelle des grandiosen Albums: Marschmusik nämlich. Zur "Anfangsverwirrung des Publikums", wie der Kommentar im vorzüglichen und lustigen Textheft behauptet.

(Uli Lemke, Blue Rhythm)

 

Horchposten Hosp

Liebe und Hass liegen nah beieinander. So kann es uns beim Musikhören ergehen: Zunächst heißeste Begeisterung, die im nächsten Augenblick in tiefste Ablehnung kippen kann. Kennen Sie das? Auch umgekehrt vorstellbar.
Schockartiges Erst-Erlebnis, Schrecken, Ekel, und plötzlich Faszination, Begehren. Beispiel? Ich lese am Cover „Hochheidecksburg“, drücke auf Play und es tönt mir ein sehr deutscher Marsch entgegen. Grässlich. Dass die Musiker jedes ihrer Konzerte damit eröffnen, als Irritation fürs Publikum, hilft mir im Augenblick gar nichts; da bleibt scheinbar nur tapferes Durchhalten der endlosen drei Minuten. Und auf einmal fällt mir Loriot ein, der in einem seiner Sketches den Großvater einer Familie spielt und immer denselben deutschen Marsch hören will (wenn auch einen anderen als „Hochheidecksburg“). Und die Erinnerung hilft mir, die Musik auf einmal zu mögen. Schneller als erhofft taucht Cut 2 am Display auf.
Die zackigen Blasmusiksoldaten verwandeln sich flugs in einen Haufen verwegener Gesellen, die, in einer furiosen Schnellpolka, Wodka, Budweiser und Kölsch feiern. Auf einmal liebe ich sie, die Schäl Sick Brass Band. Aber das kann sich ganz schnell ändern!

Blasmusik aus Griechenland, Bulgarien, Kurdistan, Ägypten, mit schwerem Blech und schwerem Schlagzeug, Gitarren, herrlichen Sängerinnen; und stets zwischen Oase und Bierzelt pendelnd.

(Magazin, 09/2002 Heft 07)